Gandhi, der Erpresser

Die erneute „Diskussion“ um die hungerstreikenden Flüchtlinge in München offenbart so viel Dummheit, Zynismus, Menschenverachtung, moralischer Verwahrlosung und noch so manches mehr. Es tut förmlich körperlich weh, „Nachrichten“ zu lesen. Journalisten, Politiker, Blogger und Co. haben selten so viel Dünnpfiff abgeliefert, wie bei diesem Thema. Deshalb hier mal ein paar Klarstellungen:

(1)

NEIN, Hungerstreik ist KEINE Erpressung. Welcher Vollseehofer hat sich diesen Begriff in diesem Zusammenhang ausgedacht? Juristisch ist es selbstverständlich keine, sonst würden die Flüchtlinge angeklagt werden. Aber auch moralisch und praktisch gesehen ist es ein ungeheurer Blödsinn von Erpressung oder Nötigung zu reden. Wie ist denn die Situation? Manche Flüchtlinge werden vor die „Wahl“ gestellt, freiwillig in ihr Heimatland zurückzukehren, oder zwangsweise dorthin deportiert zu werden. Damit haben sie die Wahl in ihrem Heimatland zu sterben (ermordet) oder in Deutschland (Suizid, Hungerstreik). Diese „Wahl“ ist Nötigung. Nun „entscheiden“ sie sich für die zweite Option und prompt sind sie die Bösen, weil sie eine Alternative anstreben, in der sie in Frieden leben dürfen.

Laut StGB ist ein Erpresser/Nötiger

wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt.

Gewalt haben die Flüchtlinge offenbar nicht angewendet. Mit welchem empfindlichen Übel sollen sie denn gedroht haben? Dass sie sterben? Wenn das ein empfindliches Übel für unsere mörderische Staatsregierung wäre, würden sie niemanden z.B. nach Afghanistan deportieren. Damit ist also nicht der Tod der Flüchtlinge das Übel, sondern nur der Ort des Todes – aber nur gepaart mit der medialen Aufmerksamkeit. Die ganzen Flüchtlinge, die sich in den Lagern suizidiert haben, interessiert unsere Verbrecher-Regierung nicht. Nur vor Märtyrern haben sie Angst, die ihnen ihre pseudo-christliche Maske von ihren hässlichen Fratzen reißen – und damit womöglich ihre Wiederwahlchancen verringern.

Weiterhin stellt sich die Frage, wenn Hungerstreik Erpressung sein soll, ob Gandhi ein Erpresser war, oder die Insassen von Guantanamo, die die armen Folterknechte mit ihrem Hungerstreik erpressen und aus reiner Nächstenliebe zwangsernährt werden.

(2)

Es gibt keine Pflicht zu Leben. Nur ein Recht dazu. Ich darf also niemanden umbringen, habe aber ebenso wenig das Recht jemanden am Sterben zu hindern, der dies unbedingt aus freien Stücken will. Dass das die bayerische Staatsregierung anders sieht, verwundert nicht, ist es doch der pseudo-christliche Moralkompass, der immer nur dann greift, wenn es darum geht, sich in das Leben (und Sterben) anderer einzumischen. Die Begründung für den radikalen Polizeieinsatz, es seien Menschenleben in Gefahr ist lächerlich. Erstens weil das deren Entscheidung ist, und zweitens, wie oben erwähnt, weil sie das Leben der Flüchtlinge überhaupt nicht interessiert (siehe 10.000 Abschiebungen im Jahr). Würde man sich also wirklich für das Leben interessieren, würde man sie schlicht und ergreifend NICHT ABSCHIEBEN.

(3)

Manche korrekte Staatsbürger sind auch der Meinung, eine „Erpressung“ durch Hungerstreik kann nicht angehen. Es muss über die Parlamente, Behörden etc. laufen. Schön, nur tun die nichts (gutes). Wenn diese staatlichen Organe im Sinne der Mehrheit handeln, ist der Hungerstreik sogar mehr als sinnvoll. Der Hungerstreik ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Minderheiten gegen besch…ene Mehrheiten haben. Was sollen denn machtlose Menschen tun, wenn sie von einer übermächtigen Staatsmacht zerstört werden? Welche Alternativen haben sie denn wirklich? Eben!

(4)

„Die Hungerstreiker sind ja so undankbar.“ Wenn dich ein Entführer nicht verhungern lässt, bist du ihm dann dankbar dafür? Also lasst mal die Kirche im Dorf. Jemandem, der dir ständig droht, dich mit Gewalt in eine tödliche Region zu deportieren, musst du nicht dankbar sein. Das ist völlig ok.

Euer Alien

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11 Kommentare zu “Gandhi, der Erpresser

  1. Vielen Dank für deine mehr als zutreffenden Worte ! LG Peter

  2. Ich habe diese „Diskussion“ auch mitverfolgt, und mir ist dabei sterbensübel geworden. Besonders abscheulich finde ich die Bemerkungen des „christlich-sozialen“ bayerischen Innenministers J. Herrmann, der – so meine Meinung schon seit langem – ein widerlicher und arroganter Kotzbrocken ist…
    (Den letzten Halbsatz kannst du gerne löschen, wenn ich damit verbal zu tief ins Klo gegriffen haben sollte)

  3. Hat dies auf Freidenkerin's Weblog rebloggt und kommentierte:
    Am Sendlinger Torplatz, inmitten Münchens, demonstrierten ca. 40 Flüchtlinge mit einem Hungerstreik mehrere Tage lang gegen die menschenunwürdigen Umstände ihrer Unterbringung und Behandlung. Der „christlich-soziale“ bayerische Kotzbr… – ähem – Innenminister entblödete sich keineswegs, von Erpressung seitens der Asylbewerber zu faseln. Das Verhalten der bayerischen Politiker/innen finde ich schlicht und ergreifend zum Erbrechen. Einzig und allein der Münchner Oberbürgermeister nötigt mir durch seine friedfertige, intelligente und menschliche Art, mit den Streikenden umzugehen, großen Respekt ab.

  4. Alien sagt:

    Danke Klaus Baum, habe den Titel geändert.

  5. Margitta sagt:

    „Es gibt keine Pflicht zu Leben. Nur ein Recht dazu. Ich darf also niemanden umbringen, habe aber ebenso wenig das Recht jemanden am Sterben zu hindern, der dies unbedingt aus freien Stücken will.“

    Aus freien Stücken Selbstmord verüben? Wie geht das? Sagt man sich da: Ich hab keine Lust mehr aufs Leben und mach dem mal ein Ende? Ich bin ja nicht verpflichtet zu leben, sondern habe nur das Recht darauf zu leben?

    Gibt es wirklich ein Recht auf etwas ohne eine Verpflichtung dafür? Wenn das Recht besteht auf Leben, dann gibt es auch die Verpflichtung diesen Leben mit all seinen Möglichkeiten zu leben und sich nicht vorzeitig davon zu stehlen.

    Wer das Recht auf Leben fordert muss auch die Verpflichtung erfüllen es zu LEBEN.

    • Alien sagt:

      „Wenn das Recht besteht auf Leben, dann gibt es auch die Verpflichtung diesen Leben mit all seinen Möglichkeiten zu leben und sich nicht vorzeitig davon zu stehlen.“

      Aha, und wenn man diese Pflicht zu Leben nicht erfüllt, stirbt man. Also passt doch.

      Außerdem, wer soll denn deiner Meinung nach darüber entscheiden dürfen, ob derjenige stirbt oder nicht, wenn nicht er selbst?

  6. Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Hungerstreik ist keine Erpressung

  7. erikschueler sagt:

    „Vollseehofer“ 😀 Ich kann nicht mehr!

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