Die anderen haben angefangen!

Selbst ernannte Israelfreunde geben immer typische Floskeln ab, die ich nun schon so oft gelesen habe, dass ich diese mal der Reihe nach zerpflücken möchte:

Nummer 1)

Kritisiert doch lieber mal Saudi-Arabien, Hinrichtungen im Iran, die Diktatur in Nordkorea, bevor ihr euch an der einzigen Demokratie im Nahen Osten abarbeitet.

Mein Lieblings-Totschlagargument. Das würde in letzter Konsequenz bedeuten, ich dürfte nur das allerschlimmste, was irgendwo auf der Welt passiert, kritisieren. Da stellt sich natürlich gleich die Frage, was ist denn nun schlimmer als was? Ist Unterdrückung schlimmer als Mord? Hängt es von der Anzahl der Toten ab? Ist Nordkorea schlimmer als Iran oder die USA? Welche Kriterien sollen denn herangenommen werden, um das Schlimmste überhaupt zu finden? Wie soll ich verschiedene Tötungen mit einander vergleichen? Soll ich die Bombardierung dreier UN-Schulen als harmlos abtun, weil es sich ja um „Selbstverteidigung“ handelt? Ist es schlimmer, wenn jemand aus Rachegelüsten oder aus Habgier mordet?

Fragen über Fragen. Die Aussage mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten ist natürlich Bullshit. In den meisten Nachbarländern Israels wird durchaus gewählt, sogar in den palästinensischen Autonomiegebieten. Nur bedeutet Mehrheitsentscheid noch lange nicht, dass weise Entscheidungen getroffen werden. Wenn ich bedenke wie viel verachtenswerter Bockmist mehrheitsfähig ist, ist das auch kein Wunder.

Zu guter letzt, was zum Henker soll ich bei den anderen kritisieren? Bei so viel Grausamkeit verschlägt es mir buchstäblich die Sprache. Wenn Frauen in Saudi-Arabien nicht Autofahren dürfen, Vergewaltigungsopfer wegen außerehelichem Verkehr mit Gefängnis bestraft werden, etc., was soll ich da kritisieren? Ich könnte jeden Tag mein leben lang schreiben, wie menschenverachtend grausam ich das finde. Es würde nichts ändern. Weil die Verantwortlichen entweder keinen oder einen völlig verdrehten moralischen Kompass haben. Es ist wie die Diskussion mit fanatisch Religiösen: Man kommt nicht auf einen noch so kleinen gemeinsamen Nenner, weil sie die Grundvoraussetzungen nicht teilen. Die Kritik kann also nur völlig ungehört verhallen. Anders ist es bei Staaten, die sich die individuelle Freiheit und Rechtsstaatlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Bei diesen kann Kritik fruchtbar sein, weil wir angeblich die selben Werte teilen. Diese kann man an ihre eigenen Werte und Grundsätze erinnern, die sie selbst in Sonntagsreden lautstark verkünden.

Das einzige was bei zu fanatischen Leuten hilft, ist ihnen aus dem Weg zu gehen, und ihnen vorzuleben, wie schön es sein kann. Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da war die BRD froh über jeden Flüchtling aus der DDR, weil man damit beweisen konnte, wie viel besser man doch war (wirtschaftlich). Heute sollten wir froh sein über jeden Flüchtling, der es hier her schafft, weil wir damit zeigen können, dass unser moralisches Fundament das bessere ist. Leider passiert das Gegenteil: Anstatt unsere moralischen Prinzipien zu leben und mit Stolz wie ein leuchtendes Licht vor uns herzutragen, mauern wir uns ein und treten alle Moral in die Mülltonne der Geschichte. Das mit Leichen vergiftete Mittelmeer riecht jeden Tag nach Schuld.

Statt froh zu sein, dass Flüchtlinge aus den verschiedensten Unrechtsregimen erkennen, wie schön es bei uns ist, werden sie gehasst. Statt froh zu sein, dass Israelis dem Wahnsinn dort entkommen wollen, werden sie hier mit Judenhasser-Sprüchen gejagt und bedroht, nur weil sie eine Kippa tragen. Wir können die anderen vermutlich nicht ändern, aber wir können ein leuchtendes Vorbild sein.

Noch ein Wort dazu, wieso angeblich gerade Israel besonders kritisiert wird: Ich kritisiere häufig Dinge, die ich gerade in der Zeitung lese. Und Israel ist dort ständig Thema. So einfach ist das. Würde ständig über was anderes berichtet, würde ich wohl mehr darüber schreiben. Ich nehme mal an, dass das bei vielen  so ist, und so ist die obige Kritik sinnlos. Es wäre genauso lächerlich, unter einem Artikel zu Hinrichtungen in China zu verlangen, lieber Nordkorea zu kritisieren, weil die ja viel schlimmer seien. Es ist einfach gerade nicht Thema. Das ist denke ich der banalste Hauptgrund für die angeblich übertriebene Israelkritik.

Nummer 2)

Israel hat das Recht sich selbst zu verteidigen.

Das Wort Selbstverteidigung ist in diesem Zusammenhang perfektes Orwellsches Neusprech. Ich spreche überhaupt niemanden das Recht zur Selbstverteidigung ab. Ich spreche aber JEDEM, absolut JEDEM (egal ob er von anderen Terrorist, Freiheitskämpfer, Soldat, Militär, Präsident oder sonst wie genannt wird) das Recht ab, Raketen auf Menschen zu schießen, Bomben vom Himmel fallen zu lassen, Granaten irgendwo hinzuwerfen etc. Das ist nicht legitim, und das ist ganz sicher KEINE „Selbstverteidigung“. Vor kurzem las ich, dass israelische Spezialeinheiten über die Küste an Land gegangen sind, und dort eine Raketenabschussbasis demontiert haben. Das ist Selbstverteidigung. Iron DOME, das Raketenabwehrsystem, dass viele Raketen der Hamas abfängt, bevor sie Schaden anrichten können. Das ist Selbstverteidigung. Schulen in die Luft zu sprengen, die einzigen Orte, wohin die Palästinenser noch fliehen konnten – das ist keine Selbstverteidigung. Dass das in einer durch und durch militarisierten Gesellschaft anders gesehen wird, überrascht nicht.

Diese Militarisierung, die auch in Deutschland wieder salonfähig wird. Wo selbst Kirchenvertreter wieder anfangen, „gerechte“ Kriege schön zu reden.

Nummer 3)

Die Palästinenser haben mit dem Raketenbeschuss angefangen. Israel verteidigt sich nur.

Wer „angefangen“ hat, ist in diesem Konflikt eine Frage des Glaubens. Jüdische Terroristen, die später Präsident wurden, oder palästinensische Terroristen, die später den Friedensnobelpreis bekommen haben, völlig egal. Fakt ist: Die Lage ist vertrackt. Schuld sind alle Menschen, die Gewalt als Konfliktlösung akzeptabel finden. Das stellt leider eine überwältigende Mehrheit dar (siehe Demokratie).

Viel wichtiger: es gibt nicht DIE PALÄSTINENSER, genauso wenig, wie es DIE JUDEN, DIE DEUTSCHEN, DIE ROMA, DIE AMIS oder DIE CHINESEN gibt.Die Gruppe der Palästinenser besteht aus so vielen Individuen, dass jede Kollektivstrafe zwangsläufig die falschen trifft. Bei einer außergerichtlichen Todesstrafe (Raketenbeschuss) ist das auch nicht mehr gutzumachen. Jedes Individuum ist für SEINE Handlungen verantwortlich, und zwar NUR für seine. Diese Verantwortung kann niemand abgeben – noch sowas was das Militär falsch eintrichtert. Der Hamas-Typ, der eine Rakete irgendwohin feuert, und viele Todesopfer und Verstümmelungen in Kauf nimmt, weil er nicht mal eine Ahnung hat, wen oder was er trifft, kann dafür weder seinen Vorgesetzten Hamas-Heini verantwortlich machen, noch Israel, weil die ja blockieren und Land rauben etc. Das geht nicht. Man kann ein Unrecht nicht durch Mord wieder gut machen. Ebenso wenig kann der israelische Bomberpilot die Verantwortung für die Toten abwälzen auf seine Vorgesetzten, oder auf die Hamas, die ja angefangen haben.

Aus dem Zitat spricht außerdem diese bescheuerte Militärlogik: Wir gegen DEN FEIND. Selbst wenn es legitim wäre, den Raketenabschießer der Hamas gezielt zu töten, so wäre es auch dann nicht legitim, irgendwelche Palästinenser zu töten, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Jetzt fragen sich vielleicht manche: Was labert der da, natürlich ist es legitim einen Hamas-Kämpfer, der eine Rakete abgeschossen hat, zu töten. Nö, ist es nicht. Dieser MENSCH muss vor Gericht gestellt werden, das nach einem sinnvollen Gesetz eine sinnvolle Strafe verhängen kann. Todesstrafe ist weder sinnvoll, noch legitim. Kein zivilisierter Staat verhängt diese. Kein einziger.

Die selbsternannten Israelfreunde wollen nicht sehen, dass man durchaus gegen den HAMAS-Raketenhagel sein kann und dennoch das Bombardement von palästinensischen Zivilisten scheiße findet. Das widerspricht sich nicht. Wenn man als Leitprinzip das individuelle Lebensrecht und die individuelle Freiheit postuliert, ist beides abzulehnen.

Nummer 4)

Man müsste die Hamas AUSMERZEN, dann könnten die Palästinenser endlich in Frieden leben.

Aber ich werde für naiv gehalten. Klar, so ein Massenmord hat ja schon immer Probleme gelöst. Was heißt überhaupt, die HAMAS ausmerzen? Alle „Mitglieder“? Haben die Mitgliedsausweise? Sind überhaupt alle schon mal gewalttätig geworden oder haben getötet? Ist den Ausmerzern das egal? Ist ihnen außerdem egal, dass sich eine andere Gruppierung bilden würde, schlicht und ergreifend deshalb, weil der Hass sich nicht wegbomben lässt – ganz im Gegenteil. Wenn ihr nicht gerade eine Atombombe werfen wollt, vergesst die Idee besser ganz schnell wieder. So verrückt war die israelische Regierung Gott sei Dank noch nicht (nur ein mal beinahe) – im Gegensatz zu völlig geistesgestörten Hamas-Anhängern, die das israelische Atomkraftwerk beschießen wollten (und offenbar gescheitert sind – glücklicherweise). Das radioaktive Gift hätte ja außerdem an der Grenze zum Gazastreifen Halt gemacht.

Nummer 5)

Irgendwelches Geblubber zum „Existenzrecht Israels“

Diese Wortkombination existiert übrigens mit keinem anderen Land. Aber was soll diese hohle Phrase überhaupt bedeuten? Gehen wir mal zurück ins Jahr 1948, zum 14. Mai. Israel hat nicht existiert. Ein Ex-Terrorist las irgendeinen Zauberspruch vor, und BUMM!, existierte Israel. Wenn jetzt die Existenz Israels aufhören würde, wären dann alle Israelis tot? Nö, vorher gab es ja auch schon welche, nur eben keinen Staat – was immer das genau sein mag. Von mir aus können sich alle aktuelle existierenden Staaten auflösen. Schlimmer kann es ja nicht werden. Ich pfeife also auf das Existenzrecht Israels, genauso wie auf das Existenzrecht jeden anderen Staates. Wichtig ist einzig und allein das Existenz- und Lebensrecht und die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Punkt.

Also liebe Hamas-Raketen-Verharmloser-und-Rechtfertiger und liebe Israel-„Verteidigungs“-Raketen-Verharmloser-und-Rechtfertiger, eine ganz einfache Frage zum Abschluss:

Wer gibt euch das Recht, Menschen zu töten?

Liebe Grüße

Euer Alien

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7 Kommentare zu “Die anderen haben angefangen!

  1. Heinz sagt:

    > Die Aussage mit der einzigen Demokratie im Nahen Osten ist natürlich Bullshit.

    Vorallem weil die Mehrheit (die Palästinänser) nichtmal ein Wahlrecht haben.

    • Alien sagt:

      Hä? Wo haben sie kein Wahlrecht? In Israel, Deutschland, USA? In den palästinensichen Autonomiegebieten wurde gewählt.

      • Heinz sagt:

        Ja, aber nur die Palästinänserregierung, die eh nichts zu melden hat.
        Die haben kein Wahlrecht bei der Wahl der israelischen Regierung.

        • Alien sagt:

          Das ist natürlich richtig. Dann müsste man allerdings eine Einstaatenlösung anstreben. Da bisher alle Friedensverhandlungen auf eine Zweistaatenlösung angelegt waren, bezweifle ich, dass Palästinenser jemals ein Wahlrecht in Israel haben werden.

  2. Hat dies auf Europapolitik rebloggt und kommentierte:
    Nahostkonflikt

  3. „Die anderen haben aber zuerst angefangen!“ Das ist so was von abstrus, völlig hirnbefreites Kindergartengewäsch. Und eines der blödsinnigsten Argumente überhaupt…

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