Adoption und Homosexualität

Unsere Gesellschaft macht glücklicherweise ziemlich viele Fortschritte. Trotz der Rückschritte, über die immer wieder zu Recht geschrieben wird, ist das höchst erfreulich.

Es werden nach und nach unsinnige Verbote und sinnlose Beschränkungen der Freiheit aufgehoben (ja, auch die andere Richtung passiert leider) und gerade bislang unterdrückte Gruppen profitieren davon, dass sie nun weniger unterdrückt werden.

Beispiel Homosexualität. Von der totalen Verfolgung mit Hinrichtung bis zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung sind wir schon sehr nahe am Ziel. Juristisch zumindest. Dies ist weit besser als in vielen Ländern, in denen heute noch Homosexuelle hingerichtet werden. Obwohl eine totale Gleichberechtigung annähernd erreicht ist, gibt es erstaunlich viel Ablehnung und Intoleranz aus der Gesellschaft. Kommentare unter Artikeln zur Homosexualität zeugen von einer enormen Ausgrenzung.

Ich vermute, dass ein gewichtiger Faktor die Religion/Kirche darstellt. Alle monotheistischen Religionen haben große konservative Strömungen, die Homosexualität als teils schwere Sünde ablehnen. Diese Religionen sind bei uns am weitesten verbreitet. Insofern ist es leider nicht verwunderlich, dass das Recht der gesellschaftlichen Einstellung vorauseilt.

Glücklicherweise gibt es nun viele Menschen, die nach dem Motto „Leben und leben lassen“ verfahren, und sich nicht an anderen Menschen stören, so lange diese niemandem schaden. Anders gestaltet es sich beim Thema Adoption in Verbindung mit Homosexualität. Hier sind auch viele dieser Fraktion dagegen. Warum?

Um diese Frage zu beantworten, muss erstmal differenziert werden, worum es geht. Es gibt zwei grundlegende Fälle: Ein Partner hat schon ein Kind, und der andere Partner möchte es adoptieren, oder ein Paar ist kinderlos und möchte ein fremdes Kind adoptieren.

Was kann jemand, der zur „Leben und leben lassen“-Fraktion gehört nun gegen so eine Adoption haben? Eigentlich nur das Kindeswohl. Demnach stellt sich die Frage, ob das Kindeswohl gefährdet ist, wenn es bei einem gleichgeschlechtlichem (Ehe)-Paar aufwächst. Diese Frage ist aber eigentlich zu ungenau, denn es muss auch die Relation betrachtet werden: Geht es dem Kind bei gleichgeschlechtlichen Eltern besser als im Heim, besser als bei Alleinerziehenden, etc.?

Das ist auch der Punkt, den ich essenziell wichtig finde: Wenn ein Alleinerziehender kein Problem für ein Kind darstellt, warum dann zwei von „der gleichen Sorte“. Ein Vater ist für ein Kind kein Problem, zwei schon? Eine Mutter ist ok, zwei nicht? Aber zwei Elternteile sind ideal?

Demnach lautet meine Meinung: Homosexuelle Paare sollten auch bei der Adoption mit heterosexuellen Paaren gleichberechtigt sein. Außerdem behaupte ich, dass aus der Zustimmung zur Adoption des eigenen Kindes des Partners automatisch auch die Zustimmung zur Fremdadoption folgt. Denn entweder ist nun das Kindeswohl gefährdet oder nicht. Wo ist hier der Unterschied zwischen einem leiblichen Eltern-Teil und zwei nicht leiblichen?

Was meint ihr?

Ein interessantes Gegenargument habe ich noch gefunden, dass ich allerdings ganz und gar nicht teile. Das Kindeswohl sei gefährdet, weil es von anderen Kinder gehänselt werden würde. Deshalb sollten Homosexuelle den Kindern zu Liebe auf eine Adoption verzichten, BIS DIE GESELLSCHAFT TOLERANTER GEWORDEN IST.

Dieses Argument finde ich nicht gut. Es würde bedeuten, dass ich meine Kinder lieber systemkonform erziehen sollte, weil sie sonst Probleme mit der Gesellschaft bekommen, auch wenn das System menschenverachtend mörderisch ist. 1935 hätte ich mein Kind also zum Nazi erziehen sollen, 1970 zum Stasi-Spitzel, heute in Nordkorea zum Diktatoren-Anbeter, etc., nur damit das Kind nicht gehänselt wird? Das kann es doch nicht sein, oder?

Ich freue mich über eine kontroverse (aber sachliche) Diskussion.

Machts gut!

Euer Alien

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10 Kommentare zu “Adoption und Homosexualität

  1. erikschueler sagt:

    „Deshalb sollten Homosexuelle den Kindern zu Liebe auf eine Adoption verzichten, BIS DIE GESELLSCHAFT TOLERANTER GEWORDEN IST.“
    Der Witz an diesem Argument ist, wenn alle so denken würden, dann würde eine Toleranz der Gesellschaft zu diesem Thema niemals stattfinden, weil nur wenn viele Menschen gleichgeschlechtliche Eltern mit einem Kind sehen und zuvor andere gleichgeschlechtliche Eltern mit Kind gesehen haben (es also als normal empfinden), ist es möglich eine ToleranzBILDUNG zu erreichen.

    • Alien sagt:

      Das denke ich auch. Intellektuell kann man sicherlich zu den richtigen Schlüssen kommen, aber unsere Gesellschaft besteht nun mal nicht nur aus Intellektuellen. Es gibt auch viele Menschen, die sich vorrangig auf ihr Gefühl verlassen. Und wenn das aufgrund der Seltenheit eines Phänomens erst mal ablehnend reagiert, ist es kein Wunder, dass sich keine Toleranz entwickelt. Dabei wäre mehr Normalität im Umgang mit Homosexuellen durchaus wünschenswert – für beide Gruppen.

  2. Kinder werden in der Regel von anderen Kindern nur dann gehänselt, wenn ihnen bereits von elterlicher Seite aus Vorurteile eingeprägt worden sind. Normalerweise sind Kinder beispielhaft, was Toleranz anbelangt, da könnten sich sehr, sehr, sehr viele Erwachsene sehr, sehr, sehr viele sehr, sehr, sehr dicke Scheiben von abschneiden…
    Liebe hat doch so unendlich viele Facetten, so lange niemand gequält, gedemütigt oder unterdrückt wird – wie das in so vielen heterosexuellen Beziehungen der Fall ist! – sollte man die unterschiedlichen Formen des Miteinanders doch so akzeptieren, wie sie sind…

    • Alien sagt:

      „wenn ihnen bereits von elterlicher Seite aus Vorurteile eingeprägt worden sind“

      Und das ist leider so einfach. Eltern müssen Toleranz und ähnliches hauptsächlich vorleben, damit das auf die Kinder abfärbt. Genauso schnell lernen Kinder leider Intoleranz, verlernen ihre natürliche Empathie und werden zu den aggressiven Vollpfosten, wie es sie in den meisten Schulen in mehr oder minder großer Anzahl gibt. Das schlimme ist, wenn sie bis sie so bleiben, und ihren eigenen Kindern ihr asoziales Verhalten vorleben.
      Wenigstens passiert das nicht immer. Es gibt ja noch Schule, Freunde und den eigenen Verstand, der hilft, sich von manchen Vorurteilen zu verabschieden.

  3. wiesenirja sagt:

    Zu Homosexualität, Normalität, Akzeptanz & Co. kann ich auch noch ein Döneken beisteuern. Siehe http://irenebulling.wordpress.com/making-of/drei-tropfen-blut/#abfuhr
    (Falls es mir den Link raushaut: Meine Webseite => Making of => Abfuhr.)
    Ich habe mich „köstlich amüsiert“ …

    • Alien sagt:

      Unglaublich. Immerhin waren die Reaktionen auf die Abfuhr doch ziemlich vernünftig, was hoffen lässt.

      • wiesenirja sagt:

        Richtig. Das hat mir auch den Glauben an wenigstens einen Teil der Menschheit wieder gegeben. (Wenn der Papst wüsste, wie liberal manche seiner Schäfchen sind … Eieiei!)
        Ich für meinen Teil sage mir: Jetzt erst recht.
        Schöne Ostertage!

  4. Toleranz hin oder her. Ist die Toleranz der Akzeptanz auch gleich zu stellen? Was heißt es etwas oder jemanden zu tolerieren? Ist es das Gleiche wie akzeptieren? Tolerieren ist für mich nur dulden. Es gibt schon wenige gleichgeschlechtliche Paare, die ein Kind adoptieren dürften. Na und? Schon die Tatsache darüber hat bei uns das Niveau einer Zirkusattraktion. Fingerzeig schlechthin. Leider. Wir dulden es, akzeptieren wir es aber auch? So wie es auszieht noch lange nicht. Jahrelange Prägung der Gesellschaft kann man nicht mit paar Gesetzen ändern. Bis es „normal“ empfunden wird, bedarf es -zig Jahre. Und nicht die Gesetze werden es sein, die dazu führen werden, dass „die anderen“ akzeptiert, oder als normal empfunden werden, sondern die Menschen, die ihre Kinder im Sinne „leben und leben lassen“ erzogen haben. Mit Ihrer Aussage haben Sie schon Recht, dass die Welt weiter gekommen ist, meiner Meinung nach nicht, noch lange nicht weit genug.

    In diesem Sinne, und gerade in diesem, Frohe Ostern. 😉

    • Alien sagt:

      Ich stimme mit Ihnen überein, mit einer Ausnahme:

      Ich denke schon, dass Gesetze gesellschaftliche Realitäten verändern können. Es wird Bewusstsein geschaffen und die Mehrheit der Bevölkerung gewöhnt sich an die neue Realität.

      Das muss nicht passieren, aber häufig ist es so.

    • wiesenirja sagt:

      Toleranz ist erst einmal nur Dulden, das ist richtig. Dulden kann aber ein erster Schritt zum Akzeptieren sein. Gesetze (oder deren Abschaffung – § 175 StGB!) können beides Unterstützen. Da stimme ich „Alien“ zu.

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