Antisemiten-Hitliste

Jakob Augstein ist auf dem neunten Platz der schlimmsten Antisemiten weltweit – laut einer Liste des Simon-Wiesenthal-Centers. Laut dem Autor des verlinkten Artikels haben folgende Aussagen zu der Nominierung geführt:

1 ) „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“

2 ) „Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: “Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.” Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen“

3 ) „Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu.“

4 ) „Gaza solle “auf dem niedrigsten Level funktionieren, der gerade noch eine humanitäre Katastrophe” ausschließe. Selbst das ist gelogen. Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.“

5 ) „Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen, in Ländern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische – und neuerdings auch deutsche – Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung“

Also bitte, sehen wir mal genau hin:

Zum ersten Punkt:

Alle die Augstein Antisemitismus vorwerfen sollen mir bitte mal belegen, dass es keine wichtige jüdische Lobby gibt, die die republikanische Partei unterstützt. Ich verstehe offen gestanden noch nicht mal, was daran antisemitisch sein soll: Bin ich ein Antikapitalist, weil ich die Lobbyarbeit einer großen Firma verurteile? Bin ich ein Antichrist, weil ich den Einfluss der christlichen Kirche auf die deutsche Politik zu groß finde? Das ist doch albern. Wenn eine jüdische Lobby versucht, Einfluss auf die Politik zu nehmen, ist das ihr gutes Recht – solange die Methoden sauber sind (das gilt für jede Lobbyarbeit).
Außerdem tut es vielleicht hin und wieder gut, die Fakten zu betrachten: Die USA stehen seit Gründung Israels uneingeschränkt hinter diesem Staat. Warum tun sie das? Entweder aus eigener Überzeugung oder durch Einfluss entsprechender Gruppen. Eine jüdische Lobby ist also zumindest plausibel, ob sie wirklich einen gewichtigen Einfluss auf die US-Außenpolitik hat, weiß ich nicht. Ich finde aber die plausible Vermutung, dass es so sei, nicht antisemitisch.

Was er mit der militärischen Komponente der Geschichtsbewältigung meint, weiß ich nicht sicher, ich vermute mal, er will auf die U-Boot-Lieferungen Deutschlands an Israel hinaus, die für atomare Angriffe geeignet sind. Das zu kritisieren ist also Antisemitismus? Dann wundert es mich, dass es so wenige „Antisemiten“ gibt. Rein juristisch gesehen sind diese Lieferungen gar nicht zulässig, da sie dem Kriegswaffenkontrollgesetz widersprechen, aber auch sonst sind sie einfach dumm.

Zum Teil mit dem Krieg: Hm, dass Kriegsrethorik seitens Netanjahu in einem Pulverfass wie dem Nahen Osten einen großen Krieg auslösen könnte, ist doch nicht von der Hand zu weisen, oder? Vielleicht stört die vom SWC, dass er „einseitig“ auf Israel schimpft, wobei ich das immer schwer finde. Es stört ja auch niemanden, dass jemand einseitig Russland wegen Menschenrechtsverletzungen und zu hohen Strafen anprangert, während er Guantanamo mit keinem Wort erwähnt. Man kann eben nicht in jedem Artikel auf alle Probleme der Welt eingehen – Überraschung!

Zum zweiten Punkt:

Es geht wohl um diesen Satz: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“  Über jeden Staat darf das gesagt werden. Über die USA wird es oft gesagt. Über den Iran. Über Nord-Korea. Aber wenn Israel an der Reihe ist, heißt es Antisemitismus.

Zum dritten Punkt:

Aha, die Juden haben also keine Fundamentalisten, oder was? Hallo! Selbst die Christen, die Buddhisten, die Hindus und andere Religionen haben Radikale Idioten in ihren Reihen. Es wäre doch ein Wunder, wäre es bei dieser Religion anders.

Zum vierten Punkt:

(Vorsicht Sarkasmus) Alles Quatsch: Gaza ist ein Urlaubsparadies. Jedes zweite Haus hat einen Swimming-Pool im Garten. Gebratene Hühnchen fliegen einem von selbst in den Mund. Es fließt Milch und Honig. Die florierende Wirtschaft sorgt für Wohlstand für alle. Wer was anderes behauptet ist ein Antisemit.

Zum fünften Punkt:

Keine Ahnung wie Gewalt Israel oder den US-Republikanern nützen soll. Zu der Aussage fehlt mir der Kontext, um etwas sinnvolles dazu zu sagen.

Insgesamt weiß ich nicht, ob Augstein ein Antisemit ist, aber diese Aussagen sind für den Nachweis eher weniger geeignet. Einseitige Israelkritik mag dumm sein, aber nicht antisemitisch. Die Inflation dieses Begriffs schadet dem Kampf gegen echten Antisemitismus = Der Hass auf Juden, weil sie Juden sind. Das ist Antisemitismus. Und der ist verwerflich und zu bekämpfen. Schade, dass das SWC sich davon verabschiedet und lieber Strohmänner bekämpft.

Kritik an „Selbstverteidigung“ ist Antisemitismus

Dazu hatte ich ja schon mehrfach geschrieben. Die Doppelmoral, die den angeblichen „Antisemiten“ vorgeworfen wird, wird mindestens auch von der anderen Seite angewendet: Wenn die syrische Regierung sich gegen Angreifer wehrt, ist das nicht legitim. Wehrt sich Israel gegen Raketenangriffe ist das legitim. Wenn sich Gaddafi gegen die Rebellen zur Wehr setzt, ist er böse, wenn die USA in Afghanistan ihr Opium ihre Freiheit verteidigen, ist das legitim. Wenn sich die Regierung von Sri Lanka die Angriffe der tamilischen Freiheitskämpfer nicht gefallen lässt, ist das legitim. Ein Putin, der sich gegen separatistische Bewegungen stellt, wird verurteilt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Wenn ich die Maßnahmen die Israel vermeintlich zu seinem Schutz durchführt kritisiere, bin ich kein Antisemit. Ende. Wer mich so nennt, ist ein Verleumder und ein *********.

Euer Alien

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4 Kommentare zu “Antisemiten-Hitliste

  1. Frau Momo sagt:

    Was Israel mit Palästina macht, ist in meinen Augen mit nichts zu rechtfertigen. Und deshalb bin ich noch lange keine Antisemitin. Und ich möchte genauso laut an Israel Kritik üben dürfen wie an den USA oder Russland, wie an China und an allen Staaten, in denen Unrecht geschieht, Deutschland eingeschlossen.

    • Alien sagt:

      In den Augen der Klischeeverarbeitenden Industrie erliegst du damit einfach der antiisraelischen (=antisemitischen) Propaganda.

      Ich sehe es jedenfalls genauso wie du. Die sicheren Fakten (also die, die von beiden Seiten und Dritten bestätigt wurden), genügen mir, um beide Seiten des Konflikts für ihre Verbrechen zu verurteilen – auch wenn mich dann ein paar arrogante Besserwisser als arroganten besserwisserischen Antisemiten beschimpfen.

    • Was Israel mit Palästina macht ist durchaus zu rechtfertigen. Man muss immer im Hinterkopf behalten, dass Israel von Feinden umgeben ist, die seine Existenz zu tilgen wünschen. Beständiger Beschuss trägt zudem nicht zur friedlichen Konfliktbeilegung bei. Zeichen der Schwäche könnten weiterhin auch zu unliebsamen Auseinandersetzungen und der sprichwörtlichen Explosion des Pulverfasses führen.
      Entsprechend hat die israelische Administration es schlichtweg nicht einfach, den „richtigen“ Weg zu finden. Wie sichert man die eigenen Bürger, wie positioniert man sich als starke Macht, die sich verteidigen kann und wie geht man mit den gespaltenen Palästinensern um?
      Meines Erachtens muss man beide (wenn nicht gar noch mehr) Perspektiven einbeziehen. Ebenso muss alles diskutiert werden können, ohne dass dabei die Totschlag-Argumente eingesetzt werden.

      • Alien sagt:

        Meines Erachtens muss man beide (wenn nicht gar noch mehr) Perspektiven einbeziehen. Ebenso muss alles diskutiert werden können, ohne dass dabei die Totschlag-Argumente eingesetzt werden.

        Dem kann ich zu hundert Prozent zustimmen.

        Was Israel mit Palästina macht ist durchaus zu rechtfertigen.

        Manches ja, anderes würde ich verneinen. Verstehen und nachvollziehen, warum die israelische Regierung das tut, was sie tut, ist möglich. Rechtfertigen kann man meiner Ansicht nicht alles. Aber hier müssten wir schon konkrete Beispiele nennen, um zu entscheiden, was gerechtfertigt ist und was nicht.

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