Liebe Kultusministerien

Liebe Kultusminister,

ich weiß, Sie finden Ihre Glanzleistung ausgezeichnet. Das G8, also das achtjährige Gymnasium, ist natürlich viel effizienter und besser als das neunjährige. Die Schüler stehen endlich schon nach zwölf Schuljahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, wenn sie nicht gerade wiederholen, vom Gymnasium auf die Realschule und dann auf die Fachoberschule wechseln, ein freiwilliges soziales Jahr oder freiwilligen Wehrdienst leisten, etc. Und vor allem finden Sie es wahrscheinlich wahnsinnig toll, dass sie es geschafft haben, die Kinder „von der Straße“ zu holen. Endlich machen sie nur noch „Sinnvolles“.

All das glauben Sie. Und Sie irren sich. Haben Sie schon einmal zwei Stunden Mathematik in einer sechsten Klasse unterrichtet, NACHDEM sie bereits sechs Stunden durchgehend Unterricht hatten? Wissen Sie wie viel Zeit damit vergeudet wird, Schüler zum Lernen zu animieren, obwohl sie einfach nicht mehr aufnahmefähig sein KÖNNEN? Versuchen etwas zu lernen, obwohl man gerade ein Leistungstief hat, ist in etwa so sinnvoll, wie mit Grippe einen Marathon zu laufen. Es klappt nicht. Es sorgt für Frustration und Motivationseinbrüche. Es kostet die Kinder (ja Schüler sind tatsächlich KINDER!) aber äußerst wertvolle Freizeit. JA, Freizeit ist WERTvoll. Nicht in Heller und Pfennig, klar. Aber es ist Lebenszeit, die nie zurückkommt. Der Schüler, der in der siebten Klasse an Leukämie stirbt, wie können sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren, ihm so viel wertvolle Zeit gestohlen zu haben?

Nur weil Sie nicht wissen, was Sie mit Ihrer Freizeit anstellen sollen, verpflichten sie nicht wehrlose Menschlein dazu, ihre Freizeit für sinnloses Bulimielernen zu opfern.

Jedes Kind hat über den Tag eine Leistungskurve. Jedes Kind hat Interessen, Neigungen, findet Hobbys. Wir können diese verunmöglichen, indem wir überall gebundene Ganztagesklassen einrichten, die die Eltern entweder nutzen um ihre Kinder los zu werden, oder um so vielen Jobs nachzugehen, damit es trotz Lohndumpings überhaupt zum Überleben reicht. Oder wir investieren in Kreativität, selbstständiges Denken, Querdenken, Sport, Theater, Literatur, Musik, und bekommen damit Nobelpreisträger die gerne arbeiten. Und selbst, wenn wir die nicht bekommen würden, wäre es richtig. Kinder, auch vermeintlich elitäre Gymnasiasten, sind Kinder. Und sie haben ein moralisches Recht darauf!

Bitte, kommen Sie von ihrem bürokratischem Ross herunter. Machen Sie keine Pseudo-Umfragen unter Lehrkräften, was an Stundentafeln und Lehrplänen geändert werden könnte. Das Schulsystem muss viel grundlegender reformiert werden. Die Schule muss ein Ort werden, an dem die Schüler gerne zum Lernen und Freunde treffen hingehen. Ein Ort, an dem respektiert wird, dass sie Kinder sind mit Fähigkeiten, Interessen und Neigungen, die ihre Persönlichkeit entfalten.

Ja, ein menschlicherer Umgang ist möglich. Es wird auch schon versucht, ihn zu praktizieren. Legen Sie diesen Menschen keine völlig unnötigen Steine in den Weg.

Mit hoffnungsvollen Grüßen

Ihr Alien

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4 Kommentare zu “Liebe Kultusministerien

  1. Ich bin sicher, die Schavan könnte den heutigen Leistungsanforderungen einer Oberstufe nicht gerecht werden. Es geht ihr nicht um die persönliche und mentale Entwicklung eines Heranwachsenden, sondern um den möglichst schnell zur Verfügung stehenden Mehrwert, den dieses Humankapital für die herrschenden Eliten erarbeitet. Diese offenbarte Einstellung zeugt von einer unglaublichen Dekadenz, die unserer Gesellschaft immer schlimmere (irreversible) Schäden zufügt.

    • Alien sagt:

      „sondern um den möglichst schnell zur Verfügung stehenden Mehrwert, den dieses Humankapital für die herrschenden Eliten erarbeitet“

      Das ist die unmoralische Einstellung, die in der „Elite“ weit vebreitet erscheint, die ich hasse, wie die Pest. Aber alle Handlungen der Politprominenz deuten auf diese Einstellung hin.

  2. Tja, die wollen nur das beste von unseren Kindern. Wenn man sich dann das fadenscheinige und plumbe Geschwätz dieser inkompetenten A….s anhören muss, platzt einen regelmäßig der Kragen. Ich bin drinegnd für eine Kompetenzprüfung aller Politiker. Die müssten benotet werden und dürften nur mit nachgewiesenen Kenntnissen ihres Ressorts ans Werk gehen. naja, man wird ja mal träumen dürfen…

  3. […] weiß selbst, dass der Vergleich böse ist, aber vielleicht macht er deutlich, dass es wichtigeres im Leben als Schule […]

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