Soziale Dämmerung

Die „Welt“ gefällt sich wieder mal als Totengräber des Sozialstaats sowie Verteidiger der Zwangsarbeit und der „gelungenen“ Schröderschen Arbeitsmarktreform.

Im Kommentar „Die deutsche Sucht nach Gleichmacherei“ meint Frau Siems allen Ernstes:

„Soziale Gerechtigkeit“ ist indes ein diffuser Begriff. Und das Maß an Ungleichheit, das eine Gesellschaft akzeptiert, schwankt. 2005, als Deutschland fünf Millionen Erwerbslose zählte, war der Slogan der damaligen rot-grünen Regierung „Jeder Job ist besser als Arbeitslosigkeit“ allgemein akzeptiert. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander zählte damals mehr als die Höhe des Stundenlohns. Heute ist hingegen die Rede davon, dass jeder von seiner Hände Arbeit leben können müsse.

Finde nur ich das zynisch? Was soll an der Forderung „Jemand muss von einem Vollzeitjob ohne Sozialhilfe anständig leben können.“ nicht gerechtfertigt sein?

Dass Mindestlöhne die Jobs der Geringqualifizierten gefährden, lässt die Befürworter kalt.

Gibt es darauf irgend einen Hinweis? Selbst in den USA, wo der Markt angeblich viel freier ist, gibt es Mindestlöhne.

Doch auch in einer Wissensgesellschaft wird es immer Menschen geben, die nicht willens oder in der Lage sind, anspruchsvolle Tätigkeiten auszuüben.

Ist es sozialer, sie zum dauerhaften Nichtstun zu verurteilen?

Dies ist ein propagandistisch geschickter Trick. Frau Siems stellt damit ein falsches Dilemma auf, um ihre Meinung zu rechtfertigen. Sie behauptet, Geringqualifizierte können entweder zur Zwangsarbeit verdonnert werden oder zum Nichtstun. Dass man ihnen die Wahl lassen könnte, auf diese Idee kommt sie wohl nicht, oder sie unterschlägt sie absichtlich. Natürlich sind manche Menschen froh, dass sie eine Arbeit haben, auch wenn der Verdienst nicht zum Leben reicht, aber man kann das nicht verallgemeinern. Weil manche Menschen lieber für lau arbeiten, als gar nicht, zwingt man alle unter Androhung von Sanktionen (bis zum Entzug des Existenzminimums) dazu, jede noch so nutzlose und unbefriedigende Arbeit anzunehmen. Nur um sie nicht zum Nichtstun zu verurteilen, was man ja gar nicht müsste.

Folgende Kombilohnschwärmerei finde ich nicht gerade logisch:

Der deutsche Sozialstaat sorgt dafür, dass jeder Mensch zumindest das Existenzminimum zur Verfügung hat. Man kann Unternehmen nicht zwingen, Arbeitsplätze anzubieten, die sich nicht rentieren. Statt Mindestlöhne festzuschreiben, sollte der Staat deshalb bei der bewährten Methode bleiben, den Lohn aufzustocken, wenn das Arbeitseinkommen nicht ausreicht, eine Familie zu ernähren.

Den ersten Satz kann man heutzutage getrost als Lüge bezeichnen. Nachdem bereits Analphabeten wegen mangelnder Bewerbungsbemühungen obdachlos gemacht wurden und Menschen aufgrund 100 %-Sanktionen verhungert sind, muss dieser Satz eindeutig in der Vergangenheitsform stehen: Der deutsche Sozialstaat sorgte dafür,…
Zur Logik des restlichen Abschnitts: Versteht die jemand? Ein Arbeitnehmer, der weniger als den Mindestlohn verdient, müsste bei Einführung desselben entweder mehr verdienen, oder seine Stelle wird abgebaut. Wenn aber seine Stelle einfach so gestrichen werden kann, war sie bis jetzt offenbar überflüssig. Welches Unternehmen hat bitte überflüssige Stellen?

Wer anprangert, dass die oberen Zehntausend den Löwenanteil des Vermögens in Deutschland besitzen, sollte im gleichen Atemzug erwähnen, dass sie auch einen Großteil der Einkommensteuer schultern. Die untere Hälfte der Gesellschaft trägt hingegen nur 5,5 Prozent der Gesamtlast.

Ach was! Arme Leute zahlen also nicht viel Einkommensteuer. Welch Überraschung.

Jeder staatliche Eingriff erzeugt neue Ungerechtigkeiten.

Klar, jeder Sozialstaat ist per Definition ungerecht. Gerechtigkeit ist eben nicht das wichtigste. Soziale Gerechtigkeit ist da schon passender, auch wenn Frau Siems diesen Begriff als schwammig ansieht. Ist er natürlich, aber auf den Punkt gebracht bedeutet er „Starke Schultern tragen mehr als schwache“. Und darauf könnte man sich als Gesellschaft doch eigentlich einigen, oder?

Machts gut!

Euer Alien

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3 Kommentare zu “Soziale Dämmerung

  1. gold price sagt:

    Ökonomische Rationalität wird üblicherweise als reine Zweck-Mittel-Rationalität verstanden, die dem ökonomischen Prinzip folgt, wonach man mit vorhandenen Mitteln einen maximalen Nutzen erzielen oder eine bestimmtes Ziel mit minimalem Aufwand verwirklichen möchte. Die Konzentration auf eine rein instrumentelle Rationalität führt zu einem ethischen Egoismus , der andere Wertebenen ( Gemeinschaft , Solidarität , Freiheit und Gerechtigkeit ) und Zielsysteme ( Sinn des Lebens , Frieden , Religion ) ausblendet. Ökonomen betonen zumeist, dass solche Betrachtungen lediglich als Modell zur Entwicklung ökonomischer Theorien dienten und damit keineswegs eine anthropologische Sicht vertreten werde.

    • Alien sagt:

      „Ökonomen betonen zumeist, dass solche Betrachtungen lediglich als Modell zur Entwicklung ökonomischer Theorien dienten und damit keineswegs eine anthropologische Sicht vertreten werde.“

      Gute Ökonomen wissen das, nur scheint das nicht bei allen Journalisten anzukommen.

  2. Religion oder Leben

    „Die Entwicklung vom Herdenmenschen, vom Teilmenschen zum selbständigen Vollmenschen, zum Individuum und Akraten, also zum Menschen, der jede Beherrschung durch andere ablehnt, setzt mit den ersten Anfängen der Arbeitsteilung ein. Sie wäre längst vollendete Tatsache, wenn diese Entwicklung nicht durch Mängel in unserem Bodenrecht und Geldwesen unterbrochen worden wäre – Mängel, die den Kapitalismus schufen, der zu seiner eigenen Verteidigung wieder den Staat ausbaute, wie er heute ist und ein Zwitterding darstellt zwischen Kommunismus und Freiwirtschaft. In diesem Entwicklungsstadium können wir nicht stecken bleiben; die Widersprüche, die den Zwitter zeugten, würden mit der Zeit auch unseren Untergang herbeiführen, wie sie bereits den Untergang der Staaten des Altertums herbeigeführt haben.“

    Silvio Gesell (Vorwort zur 4. Auflage der NWO, 1920)

    Kaum jemand weiß heute noch, dass ursprünglich die Bundesrepublik Deutschland nicht eine kapitalistische Marktwirtschaft mit angehängtem „Sozialstaat“ werden sollte, sondern eine freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus (Freiwirtschaft = echte Soziale Marktwirtschaft), die den Sozialstaat zur Finanzierung kapitalismusbedingter Massenarbeitslosigkeit gar nicht nötig hat, weil sie prinzipbedingt und unabhängig vom jeweiligen Stand der Technologie für natürliche Vollbeschäftigung und absolute soziale Gerechtigkeit sorgt:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    Es wurde übersehen, dass der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Globale Soziale Marktwirtschaft), erst dann zu verwirklichen ist, wenn die reale Angst vor der Auslöschung unserer gesamten „modernen Zivilisation“ durch die bevorstehende globale Liquiditätsfalle (Armageddon) insgesamt größer wird, als die seit Urzeiten eingebildete Angst vor dem „Verlust“ der Religion:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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