Mörder oder Staatsmann?

Es gibt kein Thema, dass länger, öfter und ausgiebiger in der Schule behandelt wird als das Dritte Reich. In Geschichte, in Deutsch, in Sozialkunde, Jahr für Jahr wurde es nochmal durchgekaut. Was war die Quintessenz? Die Deutschen waren sehr böse, mit Ausnahme einiger Widerstandskämpfer, und aus diesem Grund haben wir heute eine besondere Verantwortung für die Juden und den Frieden. Und was am tiefsten sitzen blieb, war das Wissen, dass Hitler das böseste Monster der Weltgeschichte war, der beispiellos Massen- und Völkermord begangen hat. Aus diesem Grund ist jede Nennung von positiven Gesichtspunkten Hitlers Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus. Über einen Mörder darf man nichts Gutes sagen. Das war der Tenor.

Die Aussage „Hätte Hitler nicht die Juden ermorden lassen, wäre er als großer Staatsmann in die Geschichte eingegangen.“ ist laut Zeitungen antisemitisch. Wobei ich mir sogar vorstellen könnte, dass diese Aussage zutrifft, wenn ich Berichte über andere geschichtliche Persönlichkeiten lese.

Keine andere Person wird so absolut negativ besetzt. Stalin zum Beispiel war ein Massenmörder, dennoch wird über ihn ausgewogen berichtet. Frühere Könige, die grausame Kriege geführt haben, haben aber dafür ein Sozialsystem eingeführt. Aha, und das macht die Morde wieder gut?

Fakten lassen sich natürlich nicht bestreiten. Wenn Handlungen vorliegen, die nach unseren ethischen Maßstäben gut sind, dürfen wir diese natürlich erwähnen. Aber ändert das irgend etwas an der Bewertung dieser historischen Persönlichkeit?

Ebenso seltsam finde ich die Überhöhung von Verbrechen als einzigartig grausam. Für mich ist Mord eines der grausamsten Verbrechen überhaupt. Wenn jetzt ein Mensch zwei Menschen ermordet, ist er dann doppelt so schlimm? Wenn er 77 Menschen ermordet 77 mal so schlimm? Wenn er Millionen von Menschen ermordet, schlimmer als der Teufel?

Warum muss man denn Verbrechen jenseits des Mordes noch differenzieren in Sachen Grausamkeit? Kann man nicht einfach alles ab Mord zu grausam zum Differenzieren finden? Lohnt eine Unterscheidung der Verbrechen von Stalin, Hitler, Bush, Obama? Oder sollten wir nicht einfach all dies als grausam ächten und  alles (freiheitlich-rechtsstaatliche) daran setzen solch schreckliche Taten in Zukunft zu verhindern?

Gauck wurde auch schon beschimpft, weil der die Prager Erklärung unterschrieben hat, die keinen Unterschied zwischen den Nazi-Morden im Dritten Reich und den Kommunisten-Morden im späteren Ostblock macht. Was macht es denn auch noch für einen Unterschied ob ich aus diesem niederen Motiv oder jenem niederen Motiv ermordet werde? Wie abgestumpft muss man eigentlich sein, dass man bei diesen Größenordnungen an Verbrechen überhaupt noch klar denken kann?

Das erinnert mich an die kleine Anekdote in einem Young-Indiana-Jones Film: In einem Eingeborenen-Stamm in Afrika erzählt ein desertierter Soldat vom Krieg in seiner Heimat. Der Häuptling fragt, wie viele Männer gestorben sind. Er sagt sinngemäß: „3? 5? 10? Mehr als 10?“. Er konnte sich nicht mal im entferntesten vorstellen, dass dort nicht hunderte nicht tausende, sondern zigtausende Menschen ihr Leben verlieren. Diese Größenordnung ist so surreal. Kein Mensch kann diese mit vollem Herzen erfassen, ohne sofort tot um zufallen.

Wäre Breivik ein schlimmerer Verbrecher, wenn er 100 Menschen ermordet hätte, oder harmloser wenn er „nur“ 60 Menschen getötet hätte? Ich finde diese Zahlenspiele so sinnlos. Mord ist Mord ist Mord.

Das einzige, was mich bewegen könnte, einen Mörder ausgewogener zu betrachten, und ihn nicht auf seine Tat zu reduzieren, wäre eine ehrliche Entschuldigung. Dies haben weder Hitler noch Stalin noch diverse andere Persönlichkeiten getan (auch heutige Regierungschefs vieler vieler Staaten, auch der angeblich so friedlichen Menschenrechte verbreitenden „westlichen“), und aus diesem Grund bezeichne ich diese alle als Mörder.

Anlass zu diesem Artikel war übrigens ein Kommentator zu einem Artikel über Stauffenberg, der meinte man dürfe das nicht schwarz-weiß betrachten. Ich denke, ab Mord ist alles schwarz, und deshalb sollte Stauffenberg auch nicht als „Held“ verehrt werden. Und ihr?

Machts gut!

Euer Alien

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8 Kommentare zu “Mörder oder Staatsmann?

  1. sonnyraven sagt:

    Ich bin völlig Deiner Meinung, dass es erschreckend ist, wie abgestumpft man sein muss, um einen Mord an zehn Leuten nicht so schlimm zu finden wie an 100.
    Was mich auch immer wieder wundert, ist die Tatsache, dass in den Nachrichten sinngemäß gesagt wird: „Unter den 20 Toten waren auch zwei Deutsche!“ Ja und? Macht es das jetzt besser oder schlechter? Macht es überhaupt einen Unterschied, welche Staatsangehörigkeit ich besitze, wenn ich sterbe? Steht im Jenseits etwa ein Passkontrolleur und sagt mir „Du kommst hier nicht rein, Du bist Deutscher“?

    Mord gehört verurteilt, egal wieviele Menschen ermordet wurden. Egal welcher Staatsmann das war, und völlig egal, aus welchen „Gründen“ er gemordet hat.

    Eine gute Tat hebt eine schlechte nicht auf. Das läuft nicht wie beim Fußball, wenn ein Eigentorschütze noch einen Treffer im gegnerischen Kasten landet.

    • Alien sagt:

      Da kann ich dir nur zustimmen.

      „“Unter den 20 Toten waren auch zwei Deutsche!” Ja und?“

      Das denke ich allerdings hat andere Gründe (hoffe ich jedenfalls). Nämlich, damit sich Angehörige (keine) Sorgen machen müssen.

      • sonnyraven sagt:

        Deine Hoffnung teile ich, allerdings bin ich der Meinung, dass man weiß, wo seine Angehörigen befinden. Jedenfalls, wenn man sich für sie interessiert. Man mag mir Schwarzmalerei vorwerfen, aber ich glaube, dass nicht nur die Medien, sondern auch die Bürger sensationsgeil sind. Warum sonst gibt es auf der einen Seite der Autobahn einen Stau, wenn der Unfall auf der anderen Seite war?

      • Hanz sagt:

        oder nach Volker Pispers:
        „45 Tote, zum Glück nur Männer“

  2. sonnyraven sagt:

    Nur, wenn es keine Langeweile mehr gibt. Dann besteht jedenfalls die Möglichkeit, Sensationsgier zu ächten.

  3. M.E. sagt:

    Da ich nicht von Anfang an im deutschen Bildungssystem sozialisiert bin, kommen mir viele der Debatten über das Dritte Reich ziemlich befremdlich vor. Manchmal werd ich einfach nicht schlau draus, wie aufgeladen und unreflektiert viele Menschen darüber reden. Ich würde sagen, ein ganz großer Unterschied zwischen dem Dritten Reich und der SU unter Stalin liegt in der Ideologie: Die eine ist offensichtlich menschenverachtend und hat einige Menschen als minderwertig gesehen, die andere behauptete, zum Wohl aller Menschen da zu sein (war auch oft gelogen). Die eine war also offen rassistisch, totalitär und antisemitisch, die andere behauptete, es nicht zu sein, und war es zum Teil dann doch. Ist schon ein wichtiger Unterschied, mit Konsequenzen für die Bekämpfung der Ideologie, finde ich.
    Nur genau das wird in den Debatten doch völlig ausgeblendet, wenn man zum 1000. Mal sagt, man darf nichts mit dem Holocaust vergleichen oder das sei ja so ein „einzigartiges Ereignis“, das hört sich oft fast an, als würde man es feiern. Ich finde es erschreckend, wenn z.B. agressiv geleugnet wird, dass rechtspopulistische Menschen heute Muslime als „Rasse“ konstruieren, obwohl eigentlich alle wissen sollten, wie gefährlich solches Gedankengut sein kann, – man darf es einfach nicht ansprechen, und basta. Vergleichen heißt außerdem noch nicht gleichsetzen. Es gibt einfach logische Argumente, warum etwa Massentierhaltung nicht das Gleiche ist, mit denen man auf entsprechende Kampagnen auch antworten kann, und zwar ohne Tierrechtler als solche zu verteufeln oder das Leid von irgendwelchen Opfern zu verharmlosen. Opferkonkurenz ist echt das Letzte. Und übrigens, das Hitler-Regime hat 20-25 Millionen Menschen in der Sowjetunion vernichtet (die genaue Zahl wird wohl keiner wissen), und zwar nicht nur in Kriegshandlungen als solchen. Unter anderem wurden viele Menschen zu Tode gefoltert, und seit der Blockade von Leningrad werden nach wie vor neue Generationen durch Geschichten über verhungernde Menschen traumatisiert, die gezwungen waren, Katzen zu jagen und Babys mit eigenem Blut zu füttern. Aber es scheint allen egal zu sein. Und warum behandelt man Sinti und Roma immer noch so rassistisch, wenn die Menschen in Deutschland denn so viel dazu gelernt haben?
    Wenn man ein schweres Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung begeht, kann man das Leid einfach nicht messen. Und auch nicht wirklich differenzieren, da gebe ich Alien recht. Jedes Opfer ist schließlich eins zu viel. Wenn das Leid unendlich ist, woher nehmen wir uns das Recht, 1*unendlich mit 1000000*unendlich zu vergleichen?

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