Zeugen Jehovas Theodizee

Als wir in der Schule das Thema Theodizee durchgenommen haben, war ich sehr interessiert und wie erwartet ziemlich enttäuscht. Es gab ein paar interessante Ansatzpunkte, die aber alle keine wirkliche Rechtfertigung geliefert haben:

  • Der freie Wille als Erklärung, warum unschuldige Menschen ermordet werdenAuf den ersten Blick klingt das halbwegs plausibel. Aber natürlich gibt es auch hier Gegenargumente: Wenn Gott allmächtig ist könnte er doch unter Wahrung des freien Willens einen Mord verhindern. Zum Beispiel indem er dass Messer im Moment des Zustechens in Gummi verwandelt. Darauf wird erwidert:
  • Die Naturgesetze bleiben unverändert, weil wir uns sonst auf nichts einstellen könnten.Na ja, also das ist nun wirklich ein schwaches Argument, was übrigens auch für Naturkatastrophen benutzt wird. Zu Naturkatastrophen könnte man sagen: Er hätte ja keine Vulkane bauen müssen. Er hätte die Gesetze so festlegen können, dass es keine Überschwemmungen gibt, etc. Außerdem hat er laut Bibel angeblich früher durchaus Naturgesetze gebrochen: Übers Wasser laufen, das Meer teilen, etc. Warum setzt also Gott dem Leid kein Ende? Antwort:
  • Tut er doch, kein Mensch muss ewig leiden, er stirbt ja irgendwann.Das war wirklich das aberwitzigste Argument. Da sage ich jetzt mal nichts weiter dazu.

Im Studium hatte ich später das „Vergnügen“, von Zeugen Jehovas besucht zu werden. Die zogen erstmal ihre übliche Masche ab (Glauben Sie an Gott? Bibel ist klasse etc.) und hinterließen mir dann ein kleines Büchlein. Darin wird ihr Glaube erklärt. Aber noch besser: Es wird auch erklärt, warum die Welt so schlecht ist, obwohl doch Gott allmächtig und gut ist.

Kurz zusammengefasst: Der Satan hat behauptet, er könne besser regieren als Gott. Um zu beweisen, dass der Satan Unrecht hat, hat Gott ihm das Szepter übergeben. Die Menschen sollen sich nun freiwillig für Gott entscheiden und damit das Spiel beenden.

Sie erklären das mit einem Gleichnis von einem Lehrer, dem ein Schüler vor der Klasse widerspricht. Der Lehrer könnte jetzt natürlich einfach seine Autorität walten lassen und den Schüler als unwissend abstempeln. Dies würde aber die anderen Schüler eher auf die Seite des Widersachers ziehen, da sie glauben könnten, es sei was dran an der Aussage des „bösen“ Schülers. Deshalb lässt der Lehrer den Besserwisser so lange selbst unterrichten, bis die Schüler einsehen, dass der Lehrer der bessere Lehrer ist.

So weit, so dämlich. Nicht nur, dass der Vergleich „ein wenig“ hinkt. Es geht hier schließlich um immens großes Leid, was durch diesen angeblichen Deal ausgelöst wird. Auch zu behaupten, Gott sei gütig, habe aber kein Problem damit, Milliarden Menschen leiden zu lassen, nur weil einer seiner Engel sagt er kann alles besser, ist ziemlich unlogisch.

Was ich mich außerdem frage: Gibt es Menschen, die als Erwachsene zu den Zeugen Jehovas kommen und dann glauben, dass Satan die Welt regiert? Oder gibt es bei den Zeugen Jehovas nur selbst produzierten Nachwuchs, welcher einem sowas von Leid tun kann?

Denn ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein normal denkender Mensch wirklich glaubt, es gäbe ein böses immaterielles Wesen, dass alles Schlechte auf die Welt bringt und der Widersacher von einem guten immateriellen Wesen sei, der eigentlich nur Gutes will, die Macht dazu hätte, es aber trotzdem nicht tut. Dies kann doch wirklich nur jemand für wahr halten, der von Geburt an das alles eingetrichtert bekommt. Arme Kinder.

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8 Kommentare zu “Zeugen Jehovas Theodizee

  1. Violet Teki sagt:

    Bewusstsein ist ewig und daher ist auch das Leben auf der Erde ein Spiel der Inkarnierten. Es ist daher nicht alles schlecht, was schlecht klingt und gut, was gut klingt. Gut und Böse verschwimmen oft in einem hellen grau.
    Geb Dir aber recht, dass gerade die Ausprägungen vieler Amtskirchen, Religionen wie Zeugen Jehovas, aber auch Scientology wenig mit Spiritualität zu tun haben.

  2. bundesbedenkentraeger sagt:

    „Gibt es Menschen, die als Erwachsene zu den Zeugen Jehovas kommen und dann glauben, dass Satan die Welt regiert?“
    Ja, hat mich einer besucht. Nach etwa 2 Stunden hatt ich ihn fast so weit, sich das wieder anders zu überlegen. Das nächste Mal kam er aber mit ihrem Häuptling zusammen, und wenn ich die Körpersprache richtig gedeutet hab, muss der ziemlich zusammengefaltet worden sein…

    „Dies kann doch wirklich nur jemand für wahr halten, der von Geburt an das alles eingetrichtert bekommt.“
    In benanntem Fall handelte es sich um einen in Ostdeutschland aufgewachsenen und sozialisierten, ich würd mal sagen Mittzwanziger (ist auch schon wieder 10 Jahre her), der ohne jeden Kontakt zu irgend einer Kirche aufgewachsen war (nach eigenem Bekunden). Vielleicht ist man auch gerade dann anfällig, wenn man nichts „eingetrichtert“ bekommt…

    Was die Theodizee angeht: Ich denke der Knackpunkt liegt bei Leid und Güte. Was sagt Dir, daß etwas Leid ist? Was sagt Dir, dass etwas Güte ist? Wer legt Güte fest, wenn nicht Gott? Wenn Du Dein eigener Gott bist, kannst Du natürlich selbst festlegen, was Güte ist. Dann darf es Dich aber nicht wundern, wenn am Ende der Rechnung steht, dass Gott nicht Gott ist, also nicht allgütig. Indem Du selbst Güte definierst, aber Gott als Gott belässt, hast Du Dir den Widerspruch schon eingehandelt. Das kriegst Du nicht mehr raus. Eigentlich ein simples logisches Problem.
    Natürlich kannst Du ein Ideal von Güte und Leidfrei haben, in dem wir alle meinetwegen bekifft unterm Baum liegen. Aber das ist dann eben Deine Privatvorstellung und muß nicht der Einschätzung Gottes entsprechen.

    • Alien sagt:

      Danke für den Erfahrungsbericht. Ich vermute eher, er hatte wenig Ahnung von Logik und hat wohl wenig nachgedacht (das sollte eigentlich nicht so überheblich klingen, aber ich kann es mir nicht anders erklären). Aber gut, auf jeden Fall interessant, dass es sowas gibt.

      „Wer legt Güte fest, wenn nicht Gott?“

      Das klingt nach einer Ausrede: Wenn wir also gar nicht wissen, wie Gott Güte definiert, wie sollen wir dann jemals gütig (in Gottes Sinne) handeln? Außerdem heißt das, dass alles Grausame göttliche Güte sein könnte, da er ja schließlich definiert, was Güte ist.

  3. bundesbedenkentraeger sagt:

    „Das klingt nach einer Ausrede: Wenn wir also gar nicht wissen, wie Gott Güte definiert, wie sollen wir dann jemals gütig (in Gottes Sinne) handeln? “
    Guter Einwand, weist mich auf eine Missverständlichkeit hin. Wir haben eine Vorstellung davon, was Gott unter Güte versteht, ja. Die muss nicht in allen Details zutreffend sein, aber den Ansatz haben wir. Nur hängt es eben auch von den Umständen ab, was als „gütig“ durchgeht und was nicht. Und die kennen wir nicht. Insofern kann alles, was wir als grausam bezeichnen, nicht nur gut gemeint sein sondern sich auch sehr gut auswirken. Wir sehen oft den Tod als ungut an, doch stellt sich die Frage, wie viel davon noch zutrifft, wenn wir nach dem Tod wirklich zu Gott kommen, wo die große Party steigt. Schmerzen erfahren wir als ungut, allerdings nehmen wir sie gerne in Kauf, um Besseres zu erreichen, etwa beim Arzt (das geht hin bis zu eigentlich unnötigen plastisch-chirurgischen Eingriffen). Du hast Recht, damit kann alles Grausame letztlich doch Gottes Güte sein, und da versagt der menschliche Verstand, das hört sich dann nur noch zynisch an, wenn man etwa an die Shoa denkt. Aber letztendlich müssen wir zugeben, dass wir lediglich aus unserem Horizont heraus beurteilen, was gut ist und was nicht.
    Deshalb mein Bild mit dem bekifft unterm Baum liegen. Das wär dann wohl wirkliche Güte, wenn wir nur schöne Gefühle hätten und uns nichts stört, alles Friede, Freude, Haschkuchen… Und wenn man sich das überlegt, wäre es nach einer Weile wohl auch unerträglich langweilig. Womöglich sind wir dafür gar nicht geschaffen. Das könnten wir dann aus unserer Perspektive wieder Gott vorwerfen. Aber das ist halt das Problem, dass wir unsere Perspektive als die maßgebliche Erachten. Dann kommt gern der Einwand, Gott solle uns halt seine Perspektive mitteilen. Dabei unterstellen wir, dass wir dazu das nötige Fassungsvermögen hätten. Aus eigener Erfahrung dürften wir wissen, dass Kinder nicht jede unserer Entscheidungen nachvollziehen können und gut finden, und dass sie selbst nach einer Erklärung unsere Perspektive nicht ganz einnehmen können. Umgekehrt sind wir aber der Meinung, einfach mal so Gottes Perspektive verstehen zu können. Ja, Gott hätte uns so schaffen können, dass wir es können. Was aber, wenn Er Seine Gründe hatte, das nicht zu tun? Und Er die uns nicht mitteilt, weil wir es nicht kapieren würden?
    Wir verlangen wie selbstverständlich, mit Gott auf eine Ebene gestellt zu werden, also gottgleich zu sein, ohne uns vorher zu vergegenwärtigen, was das für eine Hybris ist.
    Jetzt kannst Du natürlich sagen: Wenn Gott es mir alles nicht erklärt und auch sonst nicht in Erscheinung tritt, hab ich auch keinen Grund, mich um den zu kümmern. Nun, vielleicht ist das ja auch genau, was Er will? Letztendlich wissen wir es nicht, und vielleicht hat ja auch Calvin Recht mit seiner These der Vorbestimmung zur Hölle. (Ich glaub da zwar nicht dran, aber wer weiß?)
    Letztendlich triffst Du die Entscheidung, was Du mit Deinem Leben tust. Eine Entscheidung für Gott ohne ergreifende Gotteserfahrung dürfte schwierig sein, muss aber vielleicht auch gar nicht sein. Es gibt neben Calvin ja noch die Allversöhnungslehre. Die kann ja auch stimmen. Wie dem auch sei, wirst Du mit einem Rechtsstreit letztlich kaum gegen Gott ankommen, denn hier gibt es keine unabhängigen Gerichte, die zwischen Dir und Gott Recht sprechen könnten. Hier gibt es nur Deinen Verstand, der Belege, Indizien und Möglichkeiten bewerten muss. Und die Entscheidung ist letztlich subjektiv, so wie Dein Verstand eben Dein Verstand und somit subjektiv ist.

  4. evilmichi sagt:

    Meine Großeltern waren erwachsen, als sie den Glauben der Zeugen Jehovas für sich entdeckten -.-* VIelleicht lag es ander Zeit damals, als die Leute etwas brauchten, an das sie sich klammern konnten. Ich weiß es nicht. Ich selbst war Zeugin Jehovas – zwangsweise – bis zu meinem zehnten Lebensjahr. Kinder kann man ja so schön indoktrinieren. :/

    • Alien sagt:

      Wenn man nicht gleich antwortet, vergisst man es. Danke für deinen Kommentar.

      Wie kann man denn im Erwachsenenalter so etwas glauben? Das ist mir schleierhaft.

      „Ich selbst war Zeugin Jehovas – zwangsweise – bis zu meinem zehnten Lebensjahr.“

      Und was war danach? Durftest du dich dann abwenden? Man hört immer so Gerüchte, dass ein Austritt schwerwiegende Folgen hätte.

      • evilmichi sagt:

        Meine Mutter hatte eines Tages beschlossen, der Glaubensgemeinschaft nicht länger angehören zu wollen. Natürlich wurde sie daraufhin von sämtlichen ehemaligen Bekannten aus der Gemeinschaft geschnitten. Ich selbst, naja, ich ging gemeinsam mit ihr, meine drei Brüder übrigens auch. Seitdem tue ich mich etwas schwer mit sämtlichen Glaubensarten. Naja, sagen wir mal so: ich glaube an nichts mehr was ich nicht selbst sehen, hören, riechen oder in anderer Form wahrnehmen oder begreifen kann.

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